Archiv der Kategorie: Texte

Träume

Zwei Bilder hingen an der Wand in dem kleinen Esszimmer, gerahmt und ordentlich, im Gegensatz zum Wohnzimmer gab es hier keine goldgemusterte Tapete, sondern nur eine normale weiße Wand. Das erste Bild zeigte eine Landschaft mit Zypressen und Hügeln, aus einem offenen Fenster heraus, vor dem ein Weinglas, eine Flasche Wein und Trauben standen. Vermutlich ein Ölgemälde, die Toskana  vielleicht? Das andere war eine geknüpfte Landschaft, etwas das man bei einer alleinstehenden älteren Dame in einem kleinen bayrischen Dorf erwarten würde. Es zeigte einen Teich auf dem zwei Schwäne schwammen, umrahmt von üppigen Blumen, im Hintergrund zwei Fachwerkhäuschen. Sie musste darüber schmunzeln, dass hier solche Bilder zu finden waren,  wendete sich aber wieder dem Essen zu, nahm mit ihren Stäbchen noch etwas vom Gemüse, von der gebratenen Wurst und vom Yakfleisch und schob sie sich mit dem Reis zusammen aus ihrer Schüssel in den Mund. Ihr Gastgeber lächelte sie breit an, füllte allen die Gläser mit Schnaps nach und erhob es, also erhob sie auch ihres.
„zhongqiujiekuaile!“ sagte er.
 Anscheinend guckte sie so verwirrt, dass klar war, dass sie es nicht verstanden hatte. Er guckte sie aus seinen blauen, in seinem dunklen Gesicht fast schon weiß wirkenden Augen forschend an, zückte sein Handy und zeigte ihr das Display: 中秋节快乐.
„zhong qiu jie kuai le „, las sie.
 Achso! frohes Mittherbstfest. 
Sie lächelte, wiederholte: „zhong qiu jie kuai le!“ und leerte das Glas. 
Sie deutet auf die Bilder, „Das sieht aus, als wäre es in Italien und das da, das könnte sogar in Deutschland sein.“ 
„Gut möglich. Ich finde es wunderschön. Mein Sohn hat mir versprochen einmal mit mir zusammen nach Europa zu fahren, nicht wahr? Davon träumen wir“.
 Die Frau lächelte sie, ihren Mann und ihren Sohn traurig an, als ob sie nicht glauben würde, dass das eine ernstzunehmende Möglichkeit wäre. Während die junge, blonde Frau aus Deutschland, die aus unerfindlichen Gründen an diesem Tag bei ihnen zu Hause mit am Tisch saß, sie ungläubig anstarrte. Diese träumte nur von Tibet, von Asien, von China. Aber eigentlich logisch, dass im Gegenzug Menschen in Tibet von Europa träumen….
 

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Jemand?

Sie war zu früh gekommen. Sie hatten sich erst für halbsechs am Bahnhof verabredet. Aber da es regnete, wollte sie im Bahnhof warten. Sie sah sich die Zeitschriften an, die hatte sie aber schon vor ein paar Tagen durchgeblättert und ging danach ins Reisezentrum, vielleicht gab es ja dort eine neue Broschüre, die sie für ein paar Minuten beschäftigen würde. Sie ging an den wartenden Menschen vorbei zu der Wand, an der die Broschüren ausgelegt waren. Es war nicht viel los, nur drei, vier Leute warteten, dass ihre Nummer aufgerufen würde. Sie streifte die Wartenden mit ihrem Blick. Sie wollte sich gerade wieder zu den Bahnbroschüren umdrehen, als sie stockte. Ihr Blick blieb an dem jungen Mann hängen, der ungeduldig mit dem Fuß wippend auf der gepolsterten Bank vor den Schaltern saß und auf seine Nummer wartete. Die schwarzen, leicht widerspenstigen Haare, das runde Gesicht mit den weißen Stöpseln in den Ohren, die Klamotten einfach nur eine blaue Jeans mit einem dunklen langärmigen Shirt und das Gepäck, eine Umhängetasche und eine weitere kleine Tasche, neben sich. Ob er wohl Deutsch sprach? Wo er wohl hin wollte? Seine Bewegungen und diese unruhige Art nicht einfach still sitzen zu können, obwohl nicht viel los war, als ob er das Gefühl hatte gleich aufspringen zu müssen und etwas neues zu beginnen, aber gleichzeitig nahm er von seiner Umgebung kaum etwas wahr, er merkte nicht, dass sie ihn jetzt schon seit einiger Zeit anstarrte…. Im Gegensatz zu dem Anzugträger, der weiter hinten stand und im Gegenzug jetzt anfing sie anzustarren, weil sie diesen Typen so anstarrte. Sie fühlte sich ertappt, drehte sich nochmal zu den Broschüren um und verließ dann langsam das Reisezentrum, immer den jungen Mann auf der Bank im Auge behaltend. Von draußen beobachtete sie ihn weiter durch die Glastür. Er wurde aufgerufen, beugte sich zu der Verkäuferin hinunter, bekam sein Ticket ausgehändigt und verließ danach anscheinend etwas entspannter die Verkaufshalle, blieb vor der Reklametafel stehen, betrachtete sie einige Sekunden lang und verschwand dann Richtung Gleise. Dabei drehte er sich nicht ein einziges Mal zu ihr um, obwohl sie ihn die ganze Zeit unentwegt angestarrt hatte. Merkwürdig, wie ihr fremde Menschen manchmal so vertraut vorkamen, dass sie sie sogar fast mit Bekannten verwechselte. Zu ihrer eigentlichen Verabredung kam sie anschließend wegen dieser merkwürdigen Fastbegegnung fast zehn Minuten zu spät.

träumen

Sie wusste nicht wie es weitergehen sollte. Sie saß auf dieser Bank im Park und fragte sich, wie all ihre Wünsche, Hoffnungen und Pläne sich von einem Tag auf den anderen in Nichts auflösen konnten. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und die Bäume fingen an zu grünen und bereiteten sich auf einen neuen Sommer vor. Sie wünschte sich auch ein Baum zu sein, sich mit dem Rhythmus der Jahreszeiten treiben lassen zu können, im Frühling austreiben, im Sommer verstärkt Photosynthese betreiben, im Herbst Samen ausbilden, im Winter Laub abwerfen. Ein so schön vorhersagbares, ruhiges Leben. So einfach, ohne Raum für unerfüllte Träume. Ein älterer schon etwas vom Alter gebeugter Herr mit grauem Hut und einem kleinen Hund an der Leine liefen an ihr vorbei, aber sogar der Hund ignorierte sie. Sie überlegte sich, wie angenehm es wäre dieser ältere Herr zu sein, der den Großteil seines Lebens schon hinter sich gebracht hatte, die wichtigen Entscheidungen in seinem Leben schon gefällt hatte und jetzt ganz gemächlich und in Ruhe, ohne von Sorgen geplagt zu werden, mit seinem Hund spazieren gehen konnte. Oder wenn Sie wenigstens der Hund wäre, ganz in dem Moment versunken am dicken Baumstamm der Linde zu schnüffeln um zu erriechen, wer sonst noch so interessantes hier vorbeigekommen war. Sie zog sich ihre Jacke enger um den Körper, beschloss weiter zu gehen und stand auf, wohin wusste sie jedoch nicht.

Laufen

Sie versuchte in das richtige Tempo, den richtigen Takt zu kommen, nicht zu schnell zu laufen, um direkt außer Atem zu sein, nicht zu schnell zu laufen, dass sie das Gefühl hatte, dass es anstrengend sei, denn sobald das der Fall wäre, würde sie einfach anhalten und aufhören. Auf Anstrengung hatte sie keine Lust, viel zu unbequem. Hatten die Füße den Takt gefunden, bewegten sie sich automatisch,  ganz von alleine, ohne dass der Kopf noch notwendig wäre. Doch dann fing es auch an, ohne Beschäftigung machte der Kopf sich Gedanken. 
Warum hatte sie vorhin wieder so patzig reagiert? Er hatte gesagt, dass sie hübsch aussähe, und statt das Kompliment einfach anzunehmen, zu lächeln, sich zu freuen und Danke zu sagen, hatte sie ihn ausgelacht und ihm gesagt, dass seine Ansprüche dann wohl nicht besonders hoch seien, wenn er sogar sie hübsch fände. Warum konnte sie das Kompliment nicht einfach akzeptieren? Vielleicht war sie keine Schönheit, aber dass manche Leute sie hübsch fanden, war doch ok. Wenn jemand nett zu ihr sein wollte, konnte sie es einfach nicht akzeptieren. Es ging doch gar nicht darum, wie sie nun aussah, sondern um sie, er wollte ihr eine Nettigkeit erweisen und sie fühlte sich dadurch angegriffen. Sagte er ihr, dass er sie intelligent fand oder auch nur ihre Hose ihm gefiel, reagierte sie genauso ablehnend. Sie konnte sich selbst einfach nicht akzeptieren und deswegen wies sie alle Komplimente zurück. Sie stieß ihn von sich, um sich selbst wegzustoßen, dabei mochte sie ihn eigentlich doch… Sie hasste sich, sie hasste sich einfach zu sehr, zu dumm, zu asozial, zu verkorkst, zu kaputt, zu unfähig, zu bösartig…..
Sie versuchte schneller zu laufen, so schnell, dass ihre Gedanken nicht hinterherkamen, so schnell, dass sie endlich ihre unerfüllten Sehnsüchte und Bewertungen weit abgehängt hinter sich ließ. Schneller und schneller, bis der Bauch sich verkrampfte und sie mit schmerzender Lunge stehenblieb, verschwitzt und definitiv nicht glücklich.

Der Wind – Ein Märchen

Vor fünf Tagen fing es an. Der Wind kam und schien sich nicht mehr legen zu wollen. Er blies durch die Straßen, die unter seiner Herrschaft nun verlassen da lagen. Er wirbelte die trockenen Blätter durch die Gegend, als wäre es noch Herbst, rauschte in den Bäumen, pfiff durch die Ritzen der Häuser und brachte die metallischen Notausgangsleitern zum singen. Die Flaggen auf dem Rathausplatz klatschten laut in diesem stürmischen Wind und fransten mehr und mehr aus. Die Menschen der Stadt verkrochen sich in ihren Häusern und trauten sich nur für die aller notwendigsten Tätigkeiten vor die Tür.
Das Mädchen jedoch, es mochte den Wind. Es hatte das Gefühl, er sei gekommen um es zu beschützen und freute sich über jeden Tag, den er blieb um ihm Gesellschaft zu leisten. Der Wind flüsterte ihm morgens schon zu und abends zum einschlafen erzählte er ihm noch lange von seinen Erlebnissen. Das Mädchen saß an diesen Tagen viele Stunden am Fenster und lauschte ihm und schaute ihm zu, wie er all die Dinge, die er fand, von einer Seite zur anderen der Stadt bewegte oder im Kreis wirbeln ließ. Das Mädchen konnte aufgrund des Windes an diesen Tagen zu Hause bleiben, es musste nicht in die Schule, wo es von den anderen nur hämisch angesehen wurde, wo es aufgrund seines andauernden Schweigens von den Lehrern einfach übersehen wurde. Das Mädchen konnte die Tage alleine mit dem Wind verbringen. Die Eltern gingen auch an diesen Tagen ihren unaufschiebbaren, immer drängenden Aufgaben nach, sodass das Mädchen, wie es es sowieso schon gewohnt war, sich selbst mit Apfelsaft und Nutellabroten verpflegte.
Heute, an diesem fünften Tag gaben die Wettermeldungen bekannt, dass der Wind bald abflauen würde. Die Menschen der Stadt freuten sich über diese Nachricht und bereiteten sich darauf vor, ihr Leben wieder in normalen, geregelten Bahnen verlaufen zu lassen, wieder nach draußen gehen zu können und all die Dinge zu erledigen, die sie in dieser Zeit hatten liegen lassen. Als jedoch das Mädchen die Nachricht hörte und draußen den Wind noch so fröhlich spielen sah, fasste es einen Entschluss. Es schmierte sich ein letztes Nutellabrot, zog sich seinen roten Mantel an, öffnete die Tür und ging hinaus in den Sturm.

Liebe

In Beijing verliebte sie sich. Sie verliebte sich in einen Tibeter. Was ein Tibeter in Beijing machte, war ihr nicht so ganz klar. Die Zeit war knapp, sie musste schon bald wieder zurück und die einzigen Worte, die sie auf Tibetisch lernte waren: བདེ་མོ། (Auf Wiedersehen).

Das Gefühl

Sie fühlte sich immer noch unwohl in der Gruppe. Sie bevorzugte es alleine zu sein, unabhängig. Sie wich jedem Blick, der ihr zufällig begegnete aus. Und auch die langsamen Bewegungen, die sie durchführten, konnten sie nicht wirklich entspannen. Es hatte so etwas lächerliches zwischen all diesen etwas älteren Hausfrauen zu stehen und eine chinesische Entspannungstechnik im Synchronmodus zu üben, die keiner wirklich verstand, vermutlich nicht einmal der Lehrer selbst. Sie versuchte nicht auf diese Gedanken zu achten und einfach die Bewegungen so gut es ging nachzuahmen. Und für kurze Momente fühlte sie sich auch ruhig und konzentriert. Jedoch zerrte noch der Schlafmangel der vergangenen Tage an ihr, sodass sie kurzzeitig immer wieder in diesen merkwürdigen, weggetretenen leicht halluzinationsartigen Zustand verfiel. In diesen Momenten fiel ihr Blick auf verschiedene Punkte in der kleinen Turnhalle, wie  auf die Decke, an der sie einen Federball bemerkte, der sich am Rauchmelder verfangen hatte oder sie begutachtete die Posen der Tänzer auf den kleinen schwarzweißen Bildern, die an der Wand hingen. In diesem übermüdeten Zustand gewannen diese kleinen Details an Bedeutung, sie hatte das Gefühl, als könnte sie in ihnen ganz einfach den Sinn ihres Lebens entziffern. Während sie weiter die ruhigen Bewegungen durchführte – leichter Schritt nach vorne, Hände öffnen, Arme langsam heben, Hände umdrehen, Arme langsam senken, Ferse langsam heben, Fuß zurück ziehen – bemerkte sie, dass der Schatten der Neonleuchte ein Auge auf der Wand bildete mit einer dunklen schattigen Pupille, und einem hellen mandelförmigen Lichtkreis darum, wie ein riesiges Auge, das sie anstarrte. Sie blickte der Wand entlang und entdeckte daneben ein zweites Auge und es gab ihr das Gefühl, als würde Gott (oder wer auch immer) sie aus diesen riesigen Augen beobachten. Sie drehte ihren Kopf noch etwas  nach links und lächelte. Nein, Gott war das nicht, Gott hatte keine drei Augen, oder etwa doch?